Dachau-Fahrt der 10. Klassen 2017/2018

Es ist wohl eines der anspruchsvollen Dinge, die einen in der zehnten Klasse erwarten: die dreitägige Studienfahrt nach Dachau. Dieser Aufenthalt soll dazu dienen, sich intensiver mit dem Thema Nationalsozialismus zu befassen, die Geschehnisse aus sowohl historischer als auch menschlicher Sicht zu betrachten. Doch wie geht man als kaum Sechzehnjährige/r damit um, einen Ort zu besuchen, der bei einem der schrecklichsten Massenmorde der Geschichte eine entscheidende Rolle spielte? Wie nahe lasse ich die Fakten an mich heran, wie sehr fühle ich mit, wann ist der richtige Zeitpunkt sich zu distanzieren, um sich nicht zu übernehmen? Frau Klinger, welche uns auf der Fahrt zusammen mit Herr Mühlbauer begleitete, versuchte diese Fragen in einer Unterrichtsstunde, die sich um das Thema Dachau drehte, zu beantworten; diese Unterstützung nahmen wir nur zu gerne an.

Nach der Ankunft in der Jugendherberge werden drei Arbeitsgruppen (AGs) inklusive Gruppenleitern vorgestellt: „Stadt und Lager“, „Einzelbiographien“ und „Rechtsradikalismus heute“. Dadurch bekommen wir Schüler die Möglichkeit, unseren Schwerpunkt für den dritten Tag festzulegen und werden zugleich in die Gruppen eingeteilt, in denen wir die gesamte Zeit über arbeiten werden. Innerhalb dieser wird nun zum Thema hingeführt, man tastet sich Schritt für Schritt an den Kern des Ganzen heran. Nun finden all die Geschichtsstunden Anwendung, in denen man über Ursachen, Folgen und historische Hintergründe spricht. Die zwanglose, lockere Atomsphäre und ein guter, entspannter Umgangston, sowohl zwischen uns Schülern als auch zwischen uns und den Seminarleitern, lässt offene und informative Gespräche zu. Wie vorgesehen befinden sich die Lehrer nicht in den Gruppen, womit das Gefühl einer Bewertung, sei sie noch so unwillkürlich, ebenfalls wegfällt.

Bei der einen AG steht schon die erste Gruppenarbeit an, die anderen gehen das erste Mal in Richtung der Gedenkstätte, ein Vorgeschmack dessen, was kommt. Beim Abendessen trifft man wieder auf die anderen und es beginnt zwischen Schweinebraten und Gemüseburgern ein lautstarker Austausch von Erfahrungen.

Der nächste Tag beginnt für viele früher als gewollt bzw. gebraucht, aber spätestens als man um neun Uhr die warme Jugendherberge verlässt und sich bei zwei Grad zur Gedenkstätte aufmacht, ist jeder wach - nun, wach genug. Der Gang durch das Eingangstor, während über einem die hämischen Worte „Arbeit macht frei“ stehen, hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Wie auch bei jeder Situation im Laufe des Tages, der man sich nicht aussetzen will, gibt es hier eine Alternative: das Umrunden des Originaltors und das Betreten des ehemaligen Appellplatzes durch einen neuen Eingang.

Der Vormittag wird von den Gruppenleitern genutzt, um uns einen möglichst umfassenden Überblick der Abläufe im Konzentrationslager zur Zeit des Nationalsozialismus zu vermitteln. Dazu gehört unter anderem - selbstverständlich alles auf freiwilliger Basis - ein Besuch des Museums der Gedenkstätte, der „Bunker“, der rekonstruierten Baracken, der Plantagen, des Krematoriums - ein Gebäude, aus der alle schnellen Schrittes nach kurzer Zeit wieder herauskommen - und des anschließenden Klosters. Die Vergangenheit ist allgegenwärtig und während dieser Besuch zum Nachdenken anregen und ein Bewusstsein für diese schreckliche Zeit schaffen soll, so versucht man doch, seine Gedanken im Zaum zu halten oder sogar abzulenken. Denn all das ist mehr, als man in einem Moment verarbeiten könnte. Auf dem Rückweg lässt man den Besuch Revue passieren, macht sich Dinge klar, fängt an, all diese neuen Eindrücke zu beurteilen.

Es wird nicht viel geredet.

Der Nachmittag wird unterschiedlich gestaltet: Die einen statten der Gedenkstätte einen weiteren Besuch ab, die anderen wandern zu einem zwei Kilometern entfernt gelegenen Schießplatz, auf dem zwischen 1941 und 1942 über 4000 sowjetische Kriegsgefangene ihren Tod fanden. Da ein kalter Wind die Temperatur keinesfalls erhöht, kehrt man ein wenig früher als geplant zurück. Der Abend endet wie der letzte mit viel freier Zeit und lauten Gesprächen.

Am nächsten Morgen steht der letzte Workshop in den Gruppen an. Dieser dient dazu, den Besuch der Gedenkstätte nachzuarbeiten und Gedanken & Erfahrungen auszutauschen. Anschließend beschäftigt man sich in kleinen Gruppen von vier bis fünf Leuten mit speziellen Themen, wie etwa wichtigen Persönlichkeiten, die gegen das NS-Regime gehandelt haben. Nach einer Vorstellungsrunde, in der jede Gruppe ihre Arbeit den anderen präsentiert, ist es Zeit fürs Mittagessen. Danach findet man sich schließlich das letzte Mal in den AGs zusammen. Das Feedback, das die Seminarleiter nun bekommen, fällt zum größten Teil positiv aus.

Dann ist es auch schon wieder vorbei und man macht sich auf den Weg zurück nach Grafing.

Wird man nun von verschiedenen Lehrern darauf angesprochen, so lautet die Antwort stets: Es war eine Studienfahrt, die sowohl erschreckend als auch lehrreich war. Das bedeutet, dass die Gedenkstätte ihren Zweck erfüllt hat; sie ist ein lehrreicher Ort, der zugleich jedem seiner Besucher eine Botschaft mitgibt, eine Warnung. Eine Warnung, die uns sagt, dass jeder von uns die Pflicht hat, dafür zu sorgen, dass sich dieses Kapitel der Geschichte nie mehr wiederholt.

 

(Jule Eder (10a))